Adieu Online-Dating

Ich nehme das Handy in die Hand. Gehe auf die Dating-App, die sich in meinem Menü befindet. Ich tippe auf die App. Lese flüchtig die Nachrichten, die sich im Postfach befinden. Keine Nachricht die mich erreicht hat, klingt weder interessant noch antwortungswürdig. Ich lösche alle. Unbeeindruckt schaue ich nach den Matches. Kein gematchter Volltrottel hat geantwortet. Ich gehe in die Einstellungen der App und lösche mein Profil. Zurück im Handy-Menü deinstalliere ich diesen Mist des modernen Datings. Ich habe wieder Speicherplatz. Die Zynikerin in mir applaudiert.

Dieser Vorgang wiederholt sich mehrmals im Jahr. Und jedes Mal fällt es mir einfacher. Jedes mal überkommt mich das gleiche Gefühl, wenn ich mich anmelde, binnen kürzester Zeit tümmeln sich die Besucher auf meinem Profil. Ich bin ein Rollmops im Haifischbecken. Eine Schneeflocke, die sich in den Sommer verirrt hat. Eine CD, die ausversehen ins Vinyl-Fach gestellt wurde. Zusammengefasst eine Romantikerin im schäbigen Bordell, umgeben von orientierungslosen Erdmännchen während der Paarungszeit.

Meine Eltern sind schuld. Die beiden lernten sich über eine Kontaktanzeige kennen. Die Eine schrieb jedesmal halbe Romane und der Andere kam gerade mal auf eine Seite. Mittlerweile sind sie seit über 30 Jahren verheiratet.

Heute gibt es zwar noch Briefpapier zu kaufen, wird aber nicht mehr benutzt. Tinder & Co. brachten es aus der Mode. Heute wischt man auf einem Smartphone nach links oder rechts. Die Richtung bestimmt die Zukunft. Nach rechts bedeutet Hoffnung auf irgendwas, nach Links einen Freifahrtschein ins Jenseits.

Wer Liebe sucht, findet Unterleibsspiele für die Sinnlosigkeit. Einen digitalen Gangbang ohne Körperflüssigkeiten. Seelenficker, unentschlossene Enttäuschte und unbefriedigte Narzissten! Ein Hoch auf die virtuelle Welt. Hier bekommen sie zu Hauf die Restposten der Realität! Fein, säuberlich gesammelt in einem schlecht designten Katalog.

Ich übertreibe? Nein. Ich bin Romantikerin der alten Zeit. Eine Prinzessin, die auf dem Schlossbalkon steht und auf Prinz Charming wartet oder einen bettelnden Spielmann – es könnte ja König Drosselbart sein.

Eine Lovestory, wie von Nicholas Sparks geschrieben und mit Johnny Depp und mir verfilmt. Im Hintergrund singt Etta James AT LAST. Ich will etwas, nach dem ich mich mit Haut und Haaren verzehre. Ich habe Durst nach wahrer Liebe. In einer Zeit in der alles vergänglich ist, wird meine Sehnsucht nach der Wahrhaftigkeit, revolutionär herbei geschrien und demonstrativ ausgesessen. Ich betrinke mich mit Tränen und überfresse mich mit Groschenromanen bis zur Bewusstlosigkeit. Ich betreibe eine einsame Sitzwache der Hoffnung, hoffentlich nicht bis zum Ende meiner Zeit!

Spätestens nächste Woche downloade ich wieder.

Werbeanzeigen

Autor: Ramona Luft

Ich glaube an Märchen, leben will ich aber in keinem! aboutlifeandtheotherthings.wordpress.com

2 Kommentare zu „Adieu Online-Dating“

Kommentare sind geschlossen.