Frauen sollten nur Make Up tragen, wenn sie es auch wirklich wollen!

…oder wie ich für mehr Selbstwertgefühl und Autonomie plädiere!

Als kleines Mädchen stand ich ewig vor der Frisierkommode meiner Mutter. Da gab es immer viel zu bestaunen. Ketten, Ringe, Armbänder und Make Up. Meine Mutter hatte nie viel. Eigentlich auch nur einige Fläschchen Nagellack und ein paar Lippenstifte. Nicht selten erwischte sie mich dabei, wie ich mit Ketten und Ringen beschmückt den Lippenstift ansetzte und dann vor Schreck fallen lies. Die Begeisterung meiner Mutter hielt sich dann immer in Grenzen. Ein schiefer Blick und ein lautes „RAMOOOONA, gehst du schon wieder an meine Sachen!“ lösten in mir immer ein halbes Traumata aus. Knapp 10 Jahre später fing ich an mich täglich zu schminken.

2016 erscheinte Alicia Keys ungeschminkt bei den VMAs (Video Music Awards). Ein Aufschrei ging durch die weltweite Medienlandschaft und die Außenwelt pöbelte fleißig in den Sozialen Netzwerken über die ungeschminkte Alicia. Sie war nicht die Einzige, die sich ungeschminkt auf dem roten Teppich zeigte. Heidi Klum, Gwyneth Paltrow oder Lena Gercke machten es nach. Es entstand ein neuer Trend, der eigentlich – mal laut gedacht – kein Trend sein sollte.

Angela Merkel bekam zu ihrem damals neuen Posten als Bundeskanzlerin auch eine Visagistin zur Seite gestellt. Als Umweltministerin hatte sie das nicht! Denn sie hat sich bis zu ihrem Amtsantritt als Bundeskanzlerin nicht wirklich geschminkt. Je erfolgreicher Frauen werden und demnach vermehrt in der Öffentlichkeit auftreten, nimmt auch die Schicht von Make Up im Gesicht zu.

Nach dem No-Make-Up-Look von Alicia Keys auf dem roten Teppich, ging der Trend auf Instagram so richtig ab. Auf einmal war die Plattform voll mit ungeschminkten Frauengesichtern. Es entstand ein weiterer Trend: das No-Make-Up Make Up. Frauen fingen an den sogenannten Nude-Look zu tragen. Sie trugen Make Up, dass auf andere wirken sollte als wäre man gar nicht geschminkt. Man greift hierbei nicht in den kunterbunten Farbtopf, sondern spielt nur mit der beige-/braun- und bronzefarbenen Farbpalette. Auf den roten Kussmund wird verzichtet, stattdessen greift man auch hier zu beigefarbenen Nuancen. Fingernägel werden auch nur dezent mit Klarlack oder sanften Nude-Farben lackiert.

Mit der 10er Feminismusbewegung, wurden auch alte Verhaltensmuster der Feministen/innen der 60/70er Bewegung mit in den heutigen Feminismustopf geworfen. Feministen/innen der 60/70er Bewegung haben damals etwas getan um sich von den Frauen der 50er Jahre abzugrenzen. Das nachfolgende Video bietet einen kleinen Einblick, was ich damit meine:

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Damals wollten sich die Frauen nicht nur aufs hübsch aussehen und was soll ich für meinen Mann kochen beschränken lassen. Sie rasierten sich nicht mehr die Beine und unter den Achseln ließ man den Urwald wachsen. Haare wurden offen getragen. Vorbei die Zeiten der adretten Frisuren. Make Up blieb in der Schminkkomode. Frauen gingen auf die Straße um für Frauenrechte als Menschenrechte zu protestieren, gegen Gewalt an Frauen, sexuelle Selbstbestimmung und reproduktive Selbstbestimmung, gegen Sexismus und noch viele andere Themen. Das hübsch herrichten war damals nur die Spitze der bestehenden Ungerechtigkeiten. Denn Frauen waren damals nur ein hübsches Accessoire. Sie existierten um Männer zu beglücken. Hübsch und willenlos. Nun erhoben sie ihre Stimmen und reaktivierten ihr Gehirn.

Heute gestaltet sich das etwas schwieriger. Wir kämpfen immer noch für Gleichstellung, Gleichberechtigung, gegen Sexismus und gegen Gewalt an Frauen. Heute gehen wir – oder sollten – mit Make Up und Kleidung viel selbstbewusster umgehen und uns nicht mal ebenso in gesellschaftliche Schubladen stecken lassen. Es sollte uns eigentlich egal sein, was andere über uns denken. Doch auch im Jahre 2019 hat die Gesellschaft ihre Tücken und Hintertürchen.

Wir Frauen werden noch immer wie ein Aushängeschild behandelt oder katapultieren uns selbst in dieses Bild. Man nehme Germany’s Next Topmodel. Diverse junge Mädchen gehen zu den Castings der Show. Sie möchten ein Model werden. Um die ganze Welt reisen. Trendige Kleidung und teures Make Up tragen. Sie benutzen ihren Körper und ihr Aussehen für beruflichen Erfolg. Ohne wirklich einzuschätzen, was für einen Preis sie zahlen. Tag für Tag optische Präsenz. Mit den Curvy Models wurde das übrigens nicht besser, auch da herrschen feste Regeln und Maße! Hierzulande tauchen die gecasteten Models irgendwann und irgendwo in der TV-Landschaft auf. Meistens da, wo auch die Castingshow lief. Wer Köpfchen hat, nutzt das clever als Karrieresprungbett. Man nehme als bekanntes Beispiel Marie Nasemann, die sich mit fairer und nachhaltiger Mode beschäftigt.

Der Arbeitsmarkt bietet noch viele andere Bereiche in denen Frauen mit einer hübschen Optik gern gesehen werden. Werbebranche, Assistentinnen Jobs und so ziemlich alle Jobs, die sich in der Öffentlichkeit abspielen. Hübsch herrichten wurde zur Normalität. Selbst Frauen, die sich nicht gerne Schminken, beschäftigen Visagisten/innen.

Wir bewegen uns mal wieder in einem Karussell oder war das nie anders?

Wir Frauen laufen immer noch fremdgesteuert durch die Weltgeschichte. Geben der Gesellschaft und ihren veralteten Ansichten und Werte viel zu viel Spielraum!

Schlank und schön ist immer noch die beliebteste Erscheinung einer Frau. Die Curvy Bewegung machte es zeitweise angenehmer , aber auch nicht wirklich besser. Dick ist halt nicht schick. Das Selbstbild einer Frau ist heute zerrissener denn je. Wir lassen uns bzw. sind oft verunsichert. Wissen selbst nicht was wir mit unserem Spiegelbild anfangen sollen. Bemitleiden uns selbst, wenn die Waage 10 kg mehr anzeigt als in der Schulzeit. Wir versuchen ernsthaft perfekt zu sein in einer nicht perfekten Welt.

Perfektionismus ist, meiner Meinung nach, ein Produkt der Fantasie.

Ich glaube, wir sollten endlich anfangen, dass was uns im Leben begegnet in Frage zu stellen. Wenn wir zu kleinen Individuen heran wachsen, sind wir unsicher. Diese Unsicherheit sollten wir dann, wenn wir aus dem gröbsten raus sind, den Kampf ansagen. Wir sollten uns mit uns beschäftigen. Gefalle ich mir nicht, weil ich der Außenwelt nicht gefalle? Schminke ich mich, weil man es von mir verlangt? Ziehe ich die Kleidung an, weil sie mir gefällt oder weil das jetzt jeder trägt?

Es werden immer die gleichen Fragen zum Selbstbild sein. Egal, ob wir Mädchen oder Frauen sind. Die Gesellschaft, so wie sie jetzt ist, wird uns Frauen immer auf den Seziertisch legen und auseinander nehmen. Deshalb sollten wir zukünftigen Generationen von Frauen zeigen wie es richtig geht.

Herrje! Schminkt euch doch. Wer hat denn was gegen Make Up, wenn es Rötungen auf den Wangen kaschiert, Augenringe verdeckt und euch erfrischt strahlen lässt? Bestimmt niemand!

Herrje! Schminkt euch nicht, wenn ihr euch damit maskiert fühlt, euch das be- und abschminken nervt. Ihr im Laden nicht wisst, aufgrund der Unmengen von Produkten, was euch gefallen würde. Schminkt euch nicht, um anderen zu gefallen. Verzichtet auf Foundation & Co wenn ihr euch damit nicht wohl fühlt. Und wenn ihr gezwungen seid euch für euren Arbeitgeber zu schminken, dann entscheidet sorgfältig, ob es sich lohnt und die Mühe wert ist.

Eines möchte ich noch los werden. Ob geschminkt oder ungeschminkt. Wir haben den Männern gegenüber ein Vorteil: Wir können mit Make Up ungeniert alles machen was wir wollen. Während Männer mit Augenringen, Blässe und Rötungen weiter durch die Welt gehen müssen. Können wir das alles, ganz sorglos übermalen. Können uns von einer verpeilten, verschlafenen Nachteule zu einer wachen, verstrahlten Amsel verwandeln. Wir sind ihnen hier im Vorteil. Warum das Vorteil nicht nutzen, wenn wir es können. Wenn nicht täglich, dann doch an bestimmten Tagen, wo uns danach ist und der Spiegel uns 3x spiegeln muss ehe er schnallt, wer ihm da gegenüber steht.

Sind wir nicht emanzipiert und autonom genug um selbst zu entscheiden wann, wo und wie viel wir uns schminken? Vielleicht hat Angela Merkel auch selbst entschieden, sich als Bundeskanzlerin mehr Make Up ins Gesicht klatschen zu lassen …

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Autor: Ramona Luft

Ich glaube an Märchen, leben will ich aber in keinem! aboutlifeandtheotherthings.wordpress.com

Ein Gedanke zu „Frauen sollten nur Make Up tragen, wenn sie es auch wirklich wollen!“

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