Verloren im Hollywood-Märchenwald oder wie man zwischenmenschliche Nähe auch anders konsumieren kann.

Ich liebe Märchen. Egal was passiert, es gibt immer ein Happy End. Da können Apfelstückchen verschluckt werden, jemand zu 100 Jahre Schlaf verdonnert werden, goldene Kugeln in den Brunnen fallen, vom bösen Wolf aufgefressen werden oder Kinder sich im Wald verirren und von einer kannibalischen Irren gefangen gehalten werden … EGAL! Am Ende sind immer alle glücklich.

Wo befindet sich nur dieser Ort? Da wo schlimmes passiert und am Ende alles gut wird. Man nennt ihn Märchenwald und dieser Märchenwald scheint wohl irgendwo in Hollywood, ganz unscheinbar, zu existieren. Hollywood, da wo immer die Sonne scheint. Da wo Filme am Fließband produziert werden und die Menschen anschließend in Scharen in die Kinos strömen.

Der Hollywood-Märchenwald.

Und dann stehst du an einer Haltestelle in Berlin oder sonst wo. Links neben dir eine alte Frau mit Hund. Rechts von dir ein Mann mit einer Bierpulle. Hinter dir zwei Kinder die sich streiten. Und vor dir hat gerade die Tram gehalten. Ganz ehrlich, das ist nicht der Hollywood-Märchenwald. Das ist die Realität. Der Mann wird auch noch morgen trinken, die Kinder sich weiter streiten und die alte Frau wird, um ihre Mobilität zu erhalten, auch morgen wieder mit ihrem Hund spazieren gehen.

Und ich? Stehe morgen auch wieder an der Haltestelle um zur Arbeit zu fahren.

An einem Stück Apfel hab ich mich auch schon mal verschluckt – ich musste mich selbst retten. Kein Prinz weit und breit. Ich habe mich schon oft an einer Nadel gestochen, hab gehofft sie wäre verflucht, wache dennoch jeden Tag ganz normal auf – hmmm. Frösche, also echte Frösche, hab ich auch geküsst, hab aber nie mit einer goldenen Kugel an einem Brunnen gespielt – vielleicht lag es daran, dass sich nie ein Frosch in einen Mann zurück verwandelt hat, muss ich noch nachholen. Ich glaube nämlich ganz fest daran, dass Frösche heimlich verzauberte Prinzen sind. Das denkt sich doch keiner aus?! Bei Spaziergängen im Wald, kam ich nie an einem Lebkuchenhaus vorbei – also bin ich auch keiner Kannibalen-Hexe begegnet, die mich hätte fressen können!

Der Hollywood-Märchenwald scheint ein schrecklich, schöner Ort zu sein. Neben verstörten Abenteuern, kann man feiern und lieben bis zum erbrechen. Nirgendwo anders geht das Lieben so einfach und schnell wie dort.

Mädchen trifft Junge und peng! Liebe! Und wir fangen an daran zu glauben, dass es so einfach geht. Die Realität sieht anders aus. Bunter. Man kann viel mehr machen als auf den Richtigen oder die Richtige zu warten oder nur nach der einen Person zu suchen, der/die einem die Erfüllung von Liebe verspricht. Die Person wird es auch ganz sicher geben, aber was ist, wenn man sich nach noch mehr sehnt. Eine Person, die einen gerne im Leben begleiten mag, ist man selbstverständlich dankbar und die Person ohne Zweifel ehrt und dennoch das Gefühl verspürt, dass es da mehr gibt.

Wir lieben ja auch nicht nur Schokolade! Wir lieben ja auch Pommes und Mango-Lassi. Filme, Musik und Bücher. Warum nicht auch Menschen? Die Liebe zu den jeweiligen Menschen, in unserem Umfeld, unterscheidet sich ja auch. Die einen lieben wir im Bett und, die anderen lieben wir für ihre Musik oder dafür das sie mit uns Gemeinsamkeiten teilen oder wir mit ihnen gemeinsame Schicksale teilen …

Es gibt viele Formen der Liebe und Beziehungen die wir zu den Menschen pflegen. Es gibt die Mingles, die freie Liebe, es gibt die Monogamie, die Polyamorie, die Offene Beziehung, die Polygamie, die Beziehungsanarchie, die Polyandrie oder die Polygynie . Wer weiß was es nicht noch alles gibt und warum ist uns eigentlich nur die Monogamie bekannt? Warum werden andere Beziehungsmodelle nicht kommuniziert?

Mingle sein

Jeder der mal Single war oder ist und nichts gegen gelegentliche kleine Liebschaften hat, mit den er auch Freizeitaktivitäten betreibt, also prinzipiell freundschaftliches Verhältnis pflegt – ist ein Mingle. Man ist offiziell Single und hat da irgendwo zwischen schlafen, essen und arbeiten jemanden, der das halb gefüllte Bett komplettiert. An den Zustand kann man sich gewöhnen. Freunde mit gewissen Vorzügen, kann man auch dazu sagen. Irgendwie merkwürdig, aber auch logisch. Wir gehen ja auch nur in den Supermarkt, wenn wir Hunger haben oder im Kühlschrank die Leere mit Protestschildern anfängt zu demonstrieren.

Die freie Liebe

Lieben wen man will und wann man will … so ungefähr hab ich das beim Lesen verstanden. Hmm … klingt gut, aber so ein wenig Bindung und Beständigkeit hab ich dann doch ganz gerne.

Monogamie

Das populärste Beziehungsmodell überhaupt. Zwei Partner für die Ewigkeit. Happy End für die Ewigkeit … Monogamie ist was tolles, wenn man das kann nur ein Partner bis zum Rest seines Lebens. Ich frag mich manchmal, ob ich das so in der Form überhaupt noch für mich haben will. Ich mag ja Abwechslung, aber Beständigkeit auch …

Polyamorie

Liebesbeziehungen mit mehreren Menschen. Das klingt interessant, aber ob mein Herz teilbar ist wage ich zu bezweifeln. Wenn dann auch noch Kinder dazu kommen, verkompliziert sich das dann ja noch mehr, oder eta nicht?

Offene Beziehung

Ganz ehrlich, dass ist ein Beziehungsmodell, das ich mir am ehesten vorstellen kann. Eine Partnerschaft, dein Herz da wo es hingehört und gelegentlich, natürlich alles einvernehmlich und wissentlich vom Partner*in abgesegnet, andere Blumen bestäuben.

Polygamie

Vielehigkeit genannt. Mehrere Ehepartner*innen? Ich bin kein Tier. Das ist definitiv nichts für mich.

Beziehungsanarchie

Beziehungen führen nach den eigenen Wünschen und feststehende Normen und Werte einer Beziehung eher unbeachtet zu lassen, klingt für mich einfach nach einem privaten Modell, dass ein Paar für sich schließt. Seine eigenen Regeln schließt und praktiziert. Gesellschaftliche Werte und Normen sind ja auch die der Gesellschaft und nicht die eines Privathaushalts zweier liebenden Menschen …

Polyandrie

Eine Frau, die mehrere Ehemänner hat. Nein. Das muss in meiner Welt nicht sein.

Polygynie

Ein Mann, der mehrere Ehefrauen hat. Bin kein Mann. Für mich unwichtig.

Bisexualität und Homosexualität sind ja keine Beziehungsmodelle, sondern Lebensformen. Man liebt halt beide Geschlechter oder nur das eigene. Vollkommen legitim, wie ich finde.

Nix hier hier mit Märchenwald und Hollywood. Das Leben hinter der Kamera und weit weg vom Wald schaut ganz anders aus und wirkt dadurch auch ein wenig spannender als immer das selbe zu sehen und zu fühlen. Wer braucht schon die Utopie, wenn er eine bunte Realität haben kann?

1 Kommentar zu „Verloren im Hollywood-Märchenwald oder wie man zwischenmenschliche Nähe auch anders konsumieren kann.

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