Wenn aus Freundschaften Bekanntschaften werden

Freundschaften sind die kleine Familie, die man sich im Laufe seines Lebens zusammen sammelt. Egal, ob klein oder groß. Sie sind der zusätzliche Farbklecks, der ein Gemälde vollkommen macht. Sie denken und fühlen ähnlich oder inspirieren und fordern uns. Meistens sind sie eine Bereicherung im Leben. Unser Verhältnis zu ihnen gleicht einer innigen Liebesbeziehung nur ganz ohne Sex.

Das erste Gesetz der Freundschaft lautet, dass sie gepflegt werden muss. Das zweite lautet: Sei nachsichtig, wenn das erste verletzt wird.

– Voltaire –

Seit meiner Kindheit teile ich mit Freundschaften gute und schlechte Momente. Erinnerungswürdige Erlebnisse. Tiefsinnige Gespräche, die manchmal einen bitteren, manchmal einen wohlwollenden Nachgeschmack bei mir hinterließen. Jede Ära die zu Ende ging, sei es ein Schulwechsel bzw. das Ende der Schulzeit, Ausbildung oder der Start ins Berufsleben. Freundschaften kommen und gehen. Keine Freundschaft hielt ewig. Sie waren alle irgendwie intensiv für den Moment, für die Phase in der ich mich befand.

Mit 32 blicke ich auf viele Bekanntschaften zurück. Bekanntschaften, die mir gut getan haben und Bekanntschaften, die rein toxischer Natur waren. Doch alle hatten etwas gemeinsam: sie waren wichtig. Ich lernte mich besser kennen, weil ich mit der Zeit mitbekam, welchen Schlag Mensch ich um mich haben möchte. Auch wenn alle ein Intermezzo waren bzw. immer noch sind, gehe ich immer noch mit einem Grundvertrauen auf neue Bekanntschaften zu, weil ich es mag neue Menschen kennen zu lernen. Ich erkenne relativ schnell den Kern einer Begegnung und kann für mich einteilen, ob der Mensch sich in meinem Leben länger aufhält und sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns aufbaut oder nicht.

Man kennt das ja, man ist auf einer Home-Party eingeladen und trifft auf Freundes Freunde. Man unterhält sich gut, lacht viel und die Stimmung ist feucht-fröhlich, aber am nächsten Tag blickt man auf einen schönen Abend zurück. Nicht mehr und nicht weniger. Ein schöner Moment, der sich zu den anderen Momenten in deinem Erinnerungsvermögen gesellt und Platz nimmt.

Je kurzweiliger die Freundschaft bestand hatte, umso mehr musste ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass nicht nur die Liebe endlich ist, sondern auch das freundschaftliche Band zwischen zwei Menschen.

Serien, wie „Friends“ oder „How I met your mother“ schaute ich wahrscheinlich deshalb so gerne und oft, weil sie von langlebiger, treuer und wahrer Freundschaft handelten. Auf eine gewisse Art und Weise war ich immer neidisch auf Rachel (tolle Jobangebote) und erkannte mich in Ted permanent selbst wieder (On/Off Geschichten in der Liebe und das personifizierte Band der Freundschaft in der Clique). Die beiden Cliquen bewunderten viele und ich auch. Sie wohnten miteinander und haben diesen einen Treffpunkt, den sie immer anpeilen für ein freundschaftliches miteinander. Hier philosophieren sie über das Leben und die Liebe. Solche Freundschaften mag es in echt auch geben, dass weiß ich, aber für mich waren die Cliquen um Rachel und Ted immer eine andere Welt. Halt, weil mein Freundeskreis immer ein bunter Haufen von Kontakten war, der zusammen eine nicht definierbare chemische Reaktion ausgelöst hätte. Und ich genau wusste, dass manche Charaktere sich nicht verstanden hätten. Das ist heute zum Glück anders!

Eine weitere Serie, die ich abgöttisch liebe, mir aber ein total verschobenes Gefühl von Freundschaft und Liebe vermittelte, war „Sex & the City“. Die Serie vermittelte mir ein Bild von alternden Freundschaften, so dass ich Jahre lang dachte, dass meine Freundinnen und ich, mit den beginnenden 30ern, oft in Bars gehen und einen Cosmopolitan nach dem anderen Schlürfen werden. Wir uns berauschende Männergeschichten erzählen oder über Männer lästern werden. Wir oft die Nächte von Berlin unsicher machen und Jahr für Jahr gemeinsam verreisen und das anhand eines Fotos festhalten und uns im hohen Alter die Fotos anschauen und ganz nostalgisch in Erinnerungen schwelgen werden. Uns vom Leben treiben lassen…

Doch das sich das nie befürwortete, ist nicht die Schuld von Carrie, Samantha, Charlotte oder Miranda. Man kann hier niemandem die Schuld geben. Das ist das Leben von Freundinnen in einer Serie. In der Realität ist es meistens so, dass man Termine mit seinen Freundschaften machen muss, sobald der Berufsalltag sich im Leben breit gemacht hat. Spontanität wird fast gänzlich verbannt. Sobald eine Beziehung und Kinder hinzukommen redet man mehr vom „sich mal wieder treffen“ und eh man sich versieht, ziehen die Monate ins Land. Familienfeiern, Kindergeburtstage (nicht nur von den eigenen) und die Aufrechterhaltung einer auch weiter gut funktionierenden Partnerschaft, machen es einer Singlefreundin (wie mir) noch schwieriger, nicht das Gefühl vermittelt zu bekommen, nur noch die kleine Handtasche für berauschende Partynächte zu sein. Ein Accessoire, dass man ab und zu aus dem Kleiderschrank holt und sich daran erfreut das man sie hat.

Das ist halt so, wenn man Kinder hat. Das IST halt so.

Versteht mich nicht falsch, aber das Gefühl, das mir somit vermittelt wird ist wahrlich kein Gutes. Sätze wie „das ist halt so, wenn man Kinder hat“ oder „wenn du mal Kinder hast, wirst du das verstehen“ oder „diesen Monat sind so viele Familienfeiern, lass uns das Treffen auf nächsten Monat verschieben“ erreichen mich in den Letzten Jahren öfter. Was früher Absagen wegen Lappalien waren ist heutzutage der komplette Alltag. Die Tatsache, dass sich heutzutage immer noch ein Teil der Partnerschaft zurücknimmt und den ganzen Familienalltag plant und organisiert, hat auch vor meinen Freundschaften keinen halt gemacht. Einige von ihnen machen das wirklich gerne, andere sind davon schon irgendwie gefrustet, ändern aber auch nicht wirklich etwas an der bestehenden Alltagssituation (das ist zumindest mein Eindruck).

Und dann steh ich mittendrin und will, dass man die Freundschaft zu mir pflegt. Zurecht wie ich finde! Ich bin immer verständnisvoll und gegen kränkelnde Kinder kann ich nichts sagen. Auch nicht, wenn die Beziehung zum Partner*in wieder mehr Aufmerksamkeit benötigt. Das familiäre Festivitäten zu einer festen Partnerschaft mit Pflichterscheinung dazu gehören verstehe ich auch. Das der Berufsalltag auch nicht ohne ist und man sich ausgelaugt fühlt und dann doch lieber daheim bleiben möchte um runter zu kommen – verstehe ich nur zu gut! Dieses Leben mit all seinen benannten Faktoren ist kein Zuckerschlecken und das man allen und jedem gerecht werden will – eigentlich muss … ja das weiß ich und nur weil ich das meiste davon nicht habe, heißt das nicht, dass man mich wie ein kleines Kind aus dem Raum schickt, weil die Erwachsenen sich jetzt über Themen unterhalten möchten, die nur Erwachsene besprechen. Damit ist niemandem geholfen! Das ich bei der Erziehung mich nicht einmische ist logisch – außer mir fällt etwas unlogisches auf oder es dem Kind nicht zu gute kommt – denke ich mir zumindest erstmal so!

Irgendwann ist auch ein Punkt erreicht, da mag ich kein Verständnis mehr aufbringen. Nicht aus Frust oder Langeweile. Nein! Aus der Gerechtigkeit und dem Respekt heraus, den eine Freundschaft, wenn sie denn eine Freundschaft ist, zusteht! Wozu hat man Freunde, wenn sie keinen Raum mehr bekommen? Wozu hält man sie aufrecht – Gewohnheit? Und warum schaffen es andere und wir nicht?

Und dann passiert was passiert: aus Freundschaften werden Bekanntschaften! Man erzählt sich nicht mehr alles, nur noch das nötigste. Warum? Man ist so im eigenen Alltagstrott versunken, dass man das Erzählte bis zum nächsten Treffen wieder vergisst und sich wundert, was die Person beim letzten Plausch gemacht hat als man sein Herz ausgeschüttet hat – zugehört hat sie jedenfalls nicht, wenn sie die gleichen Fragen stellt, wie beim letzten Mal! Da hat man irgendwann keine Lust mehr sein Innenleben seinem Gegenüber anzuvertrauen.

Verständnis für Veränderungen im Leben unserer lieben Mitmenschen werden vorausgesetzt. Zuviel wie ich finde. Auch wenn Voltaire recht hat mit seinen Worten nachsichtig zu sein, konnte er damals noch nicht wissen, dass es mal sowas wie Whats App & Co geben würde. Viele Möglichkeiten mit den Liebsten zu kommunizieren. Viele Möglichkeiten zu sagen das man jemanden lieb hat und an ihn denkt und sich auf das nächste Treffen freut, auf die Zeit die man miteinander verbringen darf und das man nicht vergessen hat sich nochmal zu melden, nur das es gerade stressig ist und sobald das nächste freie Zeitfenster da ist, man sich meldet und die Zeit schenkt, die vorher gefehlt hat.

Ich hab mein eigenes Leben, denke aber immer an meine Freunde. Monat für Monat schaue ich, welche freien Tage ich ihnen für unsere gemeinsame Zeit schenken kann, weil sie mir wichtig sind und Teil meines Lebens sind. Es gibt Monate, die gleichen einer Flaute, was Treffen mit Freunden betrifft und dann gibt es Monate, in denen ich alle sehe.

Auch wenn ihre Liste von Prioritäten einen anderen Inhalt haben und ich oder andere Freundschaften nicht ganz oben stehen, weiß ich das ich auf dieser Liste stehe. Vielleicht weiter unten, aber wie heißt es so schön, der Gedanke zählt und heißt es nicht, dass es nicht um die Quantität sondern um die Qualität der Zwischenmenschlichkeit ankommt?

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Autor: Ramona Luft

Ich glaube an Märchen, leben will ich aber in keinem! aboutlifeandtheotherthings.wordpress.com