Ich & der Feminismus

Ich stelle mir dieser Tage eine ganz bestimmte Frage: Bin ich eine Feministin? Ich bin für Gleichberechtigung. Ich bin für Gleichstellung. Ich bin für … für alles das Frau und Mann auf Augenhöhe kommunizieren und miteinander agieren und nicht gegeneinander konkurrieren lässt.

Das die Realität anders ausschaut, weiß ich. Bin ja nicht blind.

Svenja Gräfen bringt es auf den Punkt.

Es ist 2019. Uns, den Millennials geht es an sich ja gut. Uns stehen die Türen offen. Wir können lieben wen wir wollen, keiner guckt mehr komisch. Wir können leben wie wir wollen. Ja, eigentlich müssten wir doch vor Glückseligkeit nur noch grinsen wie ein Honigkuchenpferd.

Falsch!

Wir können vieles, machen aber wenig. Leben alte Traditionen des verstaubten Systems weiter. Sprich: Wir, die jungen Emanzen, beginnende 30 und mitten im Leben, stecken der Familie wegen, immer noch zurück. Verdrücken uns in die Teilzeitarbeit, stellen berufliche Verwirklichungen hinter einen Kinderwunsch und erfreuen uns an Küchenmaschinen, Veganismus und Minimalismus. Männer nehmen immer noch wortlos die Rolle des Ernährers ein und sind – nicht alle – irgendwie froh, wenn sie nach einem Arbeitstag nicht mehr allzu viel im Haushalt machen müssen bzw. haben nur ein paar bestimmte Aufgaben. Kindererziehung ist auch heute noch ein Aufgabenfeld, was kommentarlos von den Frauen übernommen wird.

Ich bin zwar Single, aber nicht weniger glücklich. Ein Spaziergang durch Pankow, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain offenbart mir dieses Bild. Ich muss nicht liiert und schwanger sein um das zu sehen.

Halt! Stop!

Jede Generation hat zwei Gruppen. Die eine die kommentarlos viele Verhaltensweisen der vorherigen Generation übernimmt, sie nicht in Frage stellt, das System so akzeptiert wie es ist. Und dann gibt es noch die, die etwas bewegen wollen, wissen das sie auf Widerstand stoßen, dass es Altersarmut geben wird, aber wissen auch, das wir die Generation sind, die etwas verändern muss. Jetzt stimmt der Spruch mal: Wir sind die Zukunft.

Single sein, ist mittlerweile keine Seltenheit. Wenn man keinen passenden Deckel zum eigenen Topf findet, versinkt man nicht in Traurigkeit. Flennen bringt nix, davon füllt sich auch kein Bett. Nach vorne schauen heißt die Devise! Die unzähligen Möglichkeiten, die sich einem beruflich auftun, werden bis aufs Mark getestet und ausgeschöpft. Ob ein Deckel nochmal den Weg unseres Topfes kreuzt, stellen wir erstmal in den Hintergrund, aber immer in Reichweite und schnell zu greifen. Oder man lebt die Moderne einer gleichberechtigten Partnerschaft, in der sich beide gleichermaßen die Pflichten im Haushalt und in der Kindererziehung teilen. Einer den anderen unterstützt und mal für eine gewisse Zeit sich um alles kümmert, wenn der andere sich selbst verwirklichen möchte. Das zeugt von Verständnis und Vertrauen in die Partnerschaft, die man miteinander führt. Das ist keine Seltenheit, aber auf die breite Masse verteilt, dann doch seltener zu finden als man es sich vorstellen mag. Traurig. Wirklich traurig.

Meine Mutti schleifte mich immer mit in die Küche. Man müsse doch als Frau kochen können. Selbst wenn die Nähmaschine zum Vorschein kam, blieb das kleine Mona-Ich nicht verschont. Ich hab kein Nerv fürs nähen, dass machte ich meiner Mutter grimmig und lautstark deutlich. Stricken können, hat mich auch nicht interessiert. Drei Generationen haben probiert mir die Strickkunst nahe zu bringen. Oma, Mutti und eine Freundin. Mutti hat ihr bestes versucht. Sie kannte es ja nicht anders. Unvorstellbar, dass die eigene Tochter sich dafür nicht interessierte. Ich frage heute noch regelmäßig nach dem Rezept von ihrer Kartoffelsuppe oder den Senfeiern. Andere haben Google, ich hab Mutti.

Bei meinen Eltern gibt es auch die typische Rollenverteilung. Muss ich nicht weiter erklären, oder? Ohne Quatsch, ich fand das schon immer doof. Da sind doch zwei Menschen, warum kümmert sich nur ein Mensch um alles? Damals als Tochter im elterlichen Nest stand für mich fest: Sowas will ich nicht. Ich bin für Gleichberechtigung. Jeder kann abwaschen – gut, gibt ja mittlerweile Geschirrspüler, aber auch den können beide befüllen und nicht nur eine im Haushalt lebende Person. Müll wegbringen können auch beide – man muss nicht nur Männer in die Muff-Kammer schicken. Wäsche waschen ist nicht schwer. Wir bedienen ja in der Regel höchstens 4 Programme, dass kriegen Männer auch gebacken bzw. gibt auch genügend Frauen, denen es schwer fällt eine Waschmaschine zu bedienen.

Lange Rede, kurzer Sinn. Ich halte nichts und habe noch nie etwas von der typischen Rollenverteilung gehalten. Meine Gerechtigkeitssinn verfiel der frühreifen Beurteilung meines Umfeldes.

Das ist wie mit dem Totschweigen von bestimmten Themen. Menstruation zum Beispiel. Es ist 2019! Warum ist es uns Frauen immer noch unangenehm, ganz unauffällig eine Binde oder ein Tampon aus der Handtasche zu nehmen und damit auf der Toilette zu verschwinden? Wir sind Frauen und keine Monster. Wir bluten, weil wir Frauen sind. Blöde Sprüche von Männern hierzu sind einfach nur diskriminierend und Frauen sind da auch nicht besser. Wenn wir uns gegenseitig dabei unterstützen würden und offen über unseren Zyklus sprechen würden, diese Thematik einfach enttabuisieren würden, dann würden auch Männer nicht mehr so abwertend daher reden. Glaube ich zumindest. Zu diesem Thema schreibe ich an anderer Stelle mehr dazu…

Fakt ist, wer schweigt, wird nix verändern können. Ich würde mir also weniger Gedanken darüber machen, ob man eine Feministin ist oder nicht, denn auch Feminismus kann falsch interpretiert werden. Es gibt viele Frauen, die sich als Feministin bezeichnen, aber ein typisch konservatives Leben leben. Mit typischen Rollenverteilungen, aber nebenbei emanzipierter sind als die Damen der 1950er Ära.

Wir benötigen eine Auflockerung der Rollenverteilung. Wenn Männer sich dazu bereit erklären, sich selbstlos um die Kindererziehung zu kümmern und im Job kürzer treten, dann werden sie gelobt und bejubelt. Ist man eine Frau und macht das, wird es als normal und selbstverständlich hingenommen. Das ist halt so! Das ist das System, dass ja schon soooooo viele Jahre auf dieser Basis gut funktioniert.

Wäre es nicht eine Weiterentwicklung, wenn es normal wäre, Männer sich ganz selbstverständlich hierfür bereit erklären? Wäre es nicht ideal, bei vorhandenen finanziellen Möglichkeiten, wenn beide Elternteile in Teilzeit gehen würden und gleichberechtigt die Erziehung des Kindes übernehmen? Würden dadurch nicht mehr Paare länger oder sogar ein Leben lang zusammen bleiben? Die Scheidungsrate sinken, weil die Unzufriedenheit innerhalb der Partnerschaft nicht mehr bestünde, weil ja Aufgaben gleichberechtigt verteilt werden und man dadurch mehr Zeit für die Partnerschaft an sich hat? Unsere Gesellschaft ist auf Kinder angewiesen. Wir erhalten Rente basierend auf einem Generationenvertrag. Aber wenn wir dieses System aufrecht erhalten wollen, muss sich etwas grundlegendes verändern: das Bild von Frau und Mann in unserer Gesellschaft.

Ob ich eine Feministin bin? In erster Linie bin ich Mensch mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Eine Frau, der die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft bewusst ist aktiv werden möchte. Nicht mehr und nicht weniger.

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FRAUEN VS. FRAUEN

Wir Frauen sind Meisterinnen im urteilen und verurteilen – über uns selbst. Und anderen Frauen. Wir klammern uns an die Ideale, die uns die Gesellschaft vorgaukelt. Wir lassen uns von Menschen aus unserem Umfeld stark beeinflussen. Wir waren selbst Teil von Cliquen während der Schulzeit. Wenn wir nicht den Coolen angehörten, schlossen wir uns zumindest irgendeiner anderen Clique an. Wir schlüpften so, ganz unscheinbar, in eine Schublade. Im Berufsleben wird es nicht besser. Wir verurteilen fleißig weiter.

Wir verurteilen uns für alles. Wenn es nicht gerade die Figur der Frau ist, die uns in der U-Bahn gegenüber sitzt, ist es die überschminkte Gesichtsfassade. Wir nörgeln, wir meckern und kommen aus der Spirale nicht raus. Wir vergleichen uns permanent mit anderen Frauen. Und warum das Ganze? Weil die Gesellschaft und insbesondere Männer uns zu Objekten machen. Frauen sind das schönere Geschlecht.

Wir sagen oft, dass wir wegen unserer guten Eigenschaften geliebt werden möchten, sind aber frustriert, wenn uns Männer nicht in einem neuen Kleidungsstück, dass wir günstig im Schlussverkauf ergattert haben, noch ansehnlicher finden als sonst. Auch wenn sich nicht alle Geschlechtsgenossinnen schminken oder akkurat in einem bestimmten Kleidungsstil in der Öffentlichkeit zur schau stellen. Nein, im Grunde wollen wir auch mal Komplimente für unserer Optik erhalten. Nicht ausschließlich, aber irgendwie oft genug, dass wir daran selber glauben. So wirklich recht machen können wir uns es nicht mal selber.

Nicht umsonst werden heute Unmengen von Selfies gemacht. Überall. Wenn wir uns geschminkt fotografieren erfreuen wir uns an den Komplimenten und auch wenn wir ungeschminkt sind erfreuen wir uns an Komplimenten, wie toll wir doch ohne Make Up aussehen und ja auch eigentlich gar keins brauchen. Ein Widerspruch an sich und wir sind selbst schuld. Es sollte einfach normal sein, sich geschminkt oder ungeschminkt wohl zu fühlen. Aber Make Up zu tragen oder halt nicht, sinnlose Rechtfertigungen dafür oder dagegen existieren ja immer noch. Ich habe Freundinnen die sich schminken und welche die sich nicht schminken. Ich habe noch keiner empfohlen sich nicht zu schminken oder mit dem schminken anzufangen. Wiederum denke ich mir, bei anderen Frauen die mir in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder sonst wo begegnen: Concealer könnte nicht schaden! Ich bin also selbst nicht besser. Und es ist schlimm. Ein permanenter Widerspruch den ich da vor mir hin und her präsentiere.

Von optischen Täuschungen und der Entscheidung, sich so zu kleiden wie man will!

Als Kind machte ich mir wenig Gedanken darüber, was ich da eigentlich für Mode trug. Teilweise kleidete mich meine Mutter ein. Ich mochte mein Mädchendasein. Ich trug gerne Lackschuhe und schmückte mich mit Plastikschmuck – später wurde daraus Modeschmuck. Mittlerweile, dank meiner Mutter, habe ich auch ein paar echte Stücke in meinem Schmuckkästchen. Ich trug bis zur Einschulung gerne Kleider. Danach nicht mehr. Ich ging in die Breite und fühlte mich mit Kleidern und Röcken wie ein modischer Fauxpas. Ich fing auch an andere Mädchen zu bewerten und wollte so aussehen wie sie. Ich orientierte mich nicht an Models aus Modemagazinen. Es gab ja genug Mädchen in meinem Umfeld, die ich schön und optimal fand.

Frauen beschäftigen sich mit ihrem Äußeren, auch wenn sie sich nicht schminken und auch nicht die aktuellen Modetrends zelebrieren. Frauen haben schon seit Jahrhunderten dieses Problem mit der optischen Täuschung und das man bestimmte Kleidung nicht tragen sollte, wenn man zu dick oder zu dünn ist.

Heute versucht man Kinder nicht geschlechtsspezifisch eine farbliche Orientierung zu verpassen

Die Erwachsenen zeigen uns schon von klein auf, dass Mädchen sich von Jungen unterscheiden. Mädchen tragen meistens rosa und die Jungen blau. Heutzutage lockert sich das ein wenig. Heute versucht man Kinder nicht geschlechtsspezifisch eine farbliche Orientierung zu verpassen, sondern so neutral wie möglich einzukleiden. Oft muss dafür die Farbe beige in hellen oder dunklen Nuancen herhalten oder man verpackt die Kleinen mit Mustern, wie Streifen oder Punkten. Zumindest hat das Farb-Fauxpas bei den Eltern nachgelassen.

Kleider machen Leute

Eine feminin gekleidete Frau bekommt in der Regel mehr Aufmerksamkeit und Beachtung in der Gesellschaft als eine Frau, die einen Messy Bun (unordentlicher Dutt) und viel zu weite Kleidung trägt. Kleider machen Leute. Den Spruch kennt jeder. Dabei ist es vollkommen Banane was wir tragen. In Berlin sowieso. Dennoch verbringen wir sehr viel Zeit damit, weil es uns halt nicht egal ist. Wir machen uns sehr wohl darüber Gedanken. Aber machen wir uns über unsere Verpackung Gedanken, weil wir bei der Begutachtung (außerhalb unseres Spiegelbildes) durchfallen könnten, weil wir für die Kleidung, die wir tragen, nicht die „richtigen“ Maße haben? Wir sollten nicht alles glauben, was wir denken!

Beth Ditto gehört zu den Frauen, die mit ihren Maßen durch das gesellschaftliche Raster hindurch fällt, dennoch polarisierte sie, modisch und gesanglich, vor ein paar Jahren die Musik- und Modeszene und somit schaffte sie es, dass sich die Welt für uns dicke Mädchen und Frauen, ein wenig öffnete. Selbst Karl Lagerfeld, der Dicke für unansehnlich fand, stand auf Beth. Lies sie sogar auf Modenschauen laufen und ihre Speckröllchen umher stolzieren. Beth genoss sichtlich diesen Moment, aber ich schaute nur in die Röhre und dachte: Herrje, alles schön und gut, aber eigentlich hatte ich gehofft, liebe Beth, das du diese oberflächliche Welt änderst. Letztendlich bist du auch nur eine Frau, die die Objektifizierung von Frauen unterstützt! Ich mag dich dennoch und versuche dieses Lebensereignis von dir zu ignorieren.

Gesundheitsfanatiker meldeten sich dann auch noch zu Wort. Man würde ja jetzt etwas für gut heißen, was ja eigentlich ungesund ist. Dick ist ja auch nicht wirklich gesund, aber müssen wir uns unser ganzes Leben immer wie Außenseiter fühlen? Uns schlecht fühlen, weil wir nicht der Norm einer – mal präzise formuliert – Gesellschaft entsprechen, die permanent versucht alles und jeden ein Idealgewicht – metaphorisch gesagt – zu verpassen?

Als Teenager nahm zwar die Akzeptanz zu meinem Gewicht nicht zu, aber ich scherte mich nicht darum, ob meinem Umfeld passt, was ich da trage. Es war mir durch und durch egal und das hab ich mir bis heute beibehalten. Das hab ich einer Frau zu verdanken, die leider nicht mehr unter uns weilt: Janis Joplin! Sie hatte selbst immer mit sich und ihrer Optik zu kämpfen. War keine wirkliche Schönheit, aber Charisma hatte die Frau. Das nahm ich mir schon mit 15 zu Herzen.

Meine Mutter meinte sogar irgendwann zu mir: „So gehe ich nicht mit dir vor die Tür!“ letztendlich ging sie doch mit mir – so wie ich gekleidet war – vor die Tür in die Öffentlichkeit. Und was verschreckte sie so? Ich trug ein schwarzes T-Shirt, darunter ein Shirtkleid mit Blumenmuster, das man nicht mal als Gardine verwenden würde, über eine Jeans und als i-Tüpfelchen einen Nietengürtel. Schwarz lackierte Fingernägel und Chucks. Fertig war mein Ich. Ich fand mich toll!

Gelegentlich mal Objekt spielen ist OK!

Es spricht ja nichts dagegen, gelegentlich Objekt der Begierde zu spielen. Sich mit Komplimenten überschütten zu lassen. Verführerisch mit den Wimpern zu klimpern. Die Brüste mal zur schau zur stellen. Aber halt alles in Maßen, weil wir ja sonst nur als ein Objekt gesehen werden. Und wir sind ja mehr und wir wollen ja auch mehr sein. Wir wollen ja nicht nur mit Männern flirten. Nein, wir wollen auch mit ihnen philosophieren. Ohne Hintergedanken.

Die Medien sind Schuld! Hollywood ist Schuld! Wir alle sind Schuld! Wir gehen herrlich dressiert wie Äffchen durch die Welt. Stopfen uns voll mit Komplexen und verarschen unser Spiegelbild mit Filtern, PhotoShop und gut trainierten Posen! Und als krönenden Abschluss besaufen wir uns mit dem permanenten Vergleich mit anderen!

In den 20ern angekommen fing ich an mich mit Mode zu beschäftigen. Danke Carrie Bradshaw! Warum? Auch ich kam nicht an Carrie vorbei! Ich bin ja auch nur ein kleines, dressiertes Äffchen. Ich beschäftigte mich mit Farben. Welche sich miteinander kombinieren lassen. Oberteile und Unterteile. Wenn ich oben weit trage, sollte ich unten nicht weit tragen. Ich optimierte mein, wie meine Mutter immer sagte, desaströses Erscheinungsbild mit modischen Trends – bis heute! Ich bin keine Fashionista, aber irgendwann schlich sich ein Bewusstsein für Mode in mein Leben und ich finde das toll! Nicht jeder Trend lohnt sich, aber manches Mal kann ich mich auch nicht zurückhalten und renne durch die Läden, als würde ich für die Vogue shoppen (ich bestell meistens online, aber wenn ich mal im Laden unterwegs bin, dann wie eine Vogue- Mitarbeiterin).

Ich vergleiche uns Menschen gern mit Geschenken. Unser Charakter, also unser Inneres halt ist das Geschenk und unsere optische Erscheinung das Geschenkpapier. Wenn wir nicht gerade Kleidung á la Einheitsbrei aus den bekannten Modegeschäften tragen, versuchen wir aus der Reihe zu tanzen. Mit einem Kopfschütteln betrachten wir menschliche Wesen, die einen subkulturellen Kleidungsstil mit einem modischen Trend kombinieren. Skandal und Verrat an der Subkultur! Ich finde das innovativ! Heißt es nicht Regeln sind da um sie zu brechen oder Grenzen sind da um sie zu überschreiten? Und wie steht es um die Frauen die Leggings tragen? Sind wir mal ehrlich: es sind keine Hosen! Aber eine anerkannte – wenn doch eher hineingeschmuggelte – Bekleidungsvariante für den unteren Bereich des Körpers.

Mehr dicke Mädchen in Leggings!

Zitat: Margarete Stockowski, Mai 2017

Margarete Stokowski veröffentlichte im Oktober 2018 ein Samelsorium von Kolumnen und Essays. Folgende Kolumne trifft es auf den Punkt genau: Mehr dicke Mädchen in Leggings!

Sie zählt ein paar Punkte auf, die ich für wichtige erachte!

  1. Für mehr dicke Mädchen in Leggings! – Kleidung ist ja für Menschen da und eine Leggings zu tragen ist laut ihren Worten „eine Demo für mehr Vielfalt“
  2. Wer starrt verliert. – Frauen könnten auch ohne BH rumlaufen, wenn die Gesellschaft nicht wäre. Männer sind anscheinend abgelenkt, wenn sie weibliche Brustwarzen durchs T-Shirt sehen. Ist längst hinfällig und Mann solle sich doch auf den Straßenverlauf konzentrieren.
  3. Apropos Männer: die auch. – Männer haben ja auch Brustprobleme. Auch sie müssen sie nicht verstecken. Genauso, ob sie kurze Hosen und Flip Flops tragen sollten: Na klar!
  4. Haare am Körper: normal. – Die Frage, ob man sich rasieren sollte oder nicht, also ob Haare am Körper erlaubt sind oder nicht, beantwortet sie schlicht mit einem: scheißegal! Unfeministisch wäre es, sich über den Körper einer anderen Frau zu beschweren.
  5. Alter ist Erfahrung. Lachen über Alter ist Dummheit. – sprich altern tun wir so oder so. Alles hängt irgendwann, das ist so gedacht und ist halt so.
  6. FKK, Neuversion: das Fasten von Körper-Kommentaren. – Menschen, die über andere Menschen – des Körpers wegen – schlecht reden, sind für den Arsch. Sie sind – nur dann – geltend vom medizinischen Fachpersonal oder wenn man eins aufs Maul haben möchte!
  7. Keinen Hass kaufen. – zudem zitiert sie die Autrorin Laurie Penny: „wenn wir uns alle wohlfühlen würden, so wie wir sind, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammen brechen.“ Es wäre normal beim Frausein im Kapitalismus, konsumierbaren Scheiß angeboten zu kriegen, um den Körper zu optimieren. Obwohl wir gut genug sind. Magazine zum Beispiel, die Frauen ihre Fehler aufweisen und Tipps, wie sie sie wieder loswerden und gleichzeitig Backkünste zu verfeinern und dem Partner die bestmögliche Verwirklichung sexueller Fantasien ermöglichen. Laut Maragrete sollte man den Kauf solcher Magazine gleich komplett bleiben lassen.

Ich unterstütze diese Ansichten und ertappe mich auch oft genug, wie egal mir das manchmal nicht ist und doch endlich werden sollte.

In den dreißigern angekommen, stelle ich fest: auch ich bin von der Gesellschaft gut dressiert worden. Füge mich hier und da immer mal wieder, den unsinnigen Normen, aber weiß das man nicht alles glauben muss, was man denkt. Ich weiß das Social Media auch krank machen kann, aber mit den Füßen auf dem Boden zur gleichen Erkenntnis führt: es dient einzig und allein zur Verbreitung von Informationen und dem Werben von alles und jeden. Ich benutze es ja schließlich auch so! Man kann sich mit allem bekleiden und sowieso kommt es ja auf unser können an und das sollten wir demonstrativ auf Plakate schreiben und jeden Tag mit einem gezückten Mittelfinger repräsentieren. Wie Lady Gaga!

Sonst ändert sich ja nie was.

Frauen sollten nur Make Up tragen, wenn sie es auch wirklich wollen!

…oder wie ich für mehr Selbstwertgefühl und Autonomie plädiere!

Als kleines Mädchen stand ich ewig vor der Frisierkommode meiner Mutter. Da gab es immer viel zu bestaunen. Ketten, Ringe, Armbänder und Make Up. Meine Mutter hatte nie viel. Eigentlich auch nur einige Fläschchen Nagellack und ein paar Lippenstifte. Nicht selten erwischte sie mich dabei, wie ich mit Ketten und Ringen beschmückt den Lippenstift ansetzte und dann vor Schreck fallen lies. Die Begeisterung meiner Mutter hielt sich dann immer in Grenzen. Ein schiefer Blick und ein lautes „RAMOOOONA, gehst du schon wieder an meine Sachen!“ lösten in mir immer ein halbes Traumata aus. Knapp 10 Jahre später fing ich an mich täglich zu schminken.

2016 erscheinte Alicia Keys ungeschminkt bei den VMAs (Video Music Awards). Ein Aufschrei ging durch die weltweite Medienlandschaft und die Außenwelt pöbelte fleißig in den Sozialen Netzwerken über die ungeschminkte Alicia. Sie war nicht die Einzige, die sich ungeschminkt auf dem roten Teppich zeigte. Heidi Klum, Gwyneth Paltrow oder Lena Gercke machten es nach. Es entstand ein neuer Trend, der eigentlich – mal laut gedacht – kein Trend sein sollte.

Angela Merkel bekam zu ihrem damals neuen Posten als Bundeskanzlerin auch eine Visagistin zur Seite gestellt. Als Umweltministerin hatte sie das nicht! Denn sie hat sich bis zu ihrem Amtsantritt als Bundeskanzlerin nicht wirklich geschminkt. Je erfolgreicher Frauen werden und demnach vermehrt in der Öffentlichkeit auftreten, nimmt auch die Schicht von Make Up im Gesicht zu.

Nach dem No-Make-Up-Look von Alicia Keys auf dem roten Teppich, ging der Trend auf Instagram so richtig ab. Auf einmal war die Plattform voll mit ungeschminkten Frauengesichtern. Es entstand ein weiterer Trend: das No-Make-Up Make Up. Frauen fingen an den sogenannten Nude-Look zu tragen. Sie trugen Make Up, dass auf andere wirken sollte als wäre man gar nicht geschminkt. Man greift hierbei nicht in den kunterbunten Farbtopf, sondern spielt nur mit der beige-/braun- und bronzefarbenen Farbpalette. Auf den roten Kussmund wird verzichtet, stattdessen greift man auch hier zu beigefarbenen Nuancen. Fingernägel werden auch nur dezent mit Klarlack oder sanften Nude-Farben lackiert.

Mit der 10er Feminismusbewegung, wurden auch alte Verhaltensmuster der Feministen/innen der 60/70er Bewegung mit in den heutigen Feminismustopf geworfen. Feministen/innen der 60/70er Bewegung haben damals etwas getan um sich von den Frauen der 50er Jahre abzugrenzen. Das nachfolgende Video bietet einen kleinen Einblick, was ich damit meine:

Achtung unbezahlte Werbung, Werbefilm von Dr. Oetker!

Damals wollten sich die Frauen nicht nur aufs hübsch aussehen und was soll ich für meinen Mann kochen beschränken lassen. Sie rasierten sich nicht mehr die Beine und unter den Achseln ließ man den Urwald wachsen. Haare wurden offen getragen. Vorbei die Zeiten der adretten Frisuren. Make Up blieb in der Schminkkomode. Frauen gingen auf die Straße um für Frauenrechte als Menschenrechte zu protestieren, gegen Gewalt an Frauen, sexuelle Selbstbestimmung und reproduktive Selbstbestimmung, gegen Sexismus und noch viele andere Themen. Das hübsch herrichten war damals nur die Spitze der bestehenden Ungerechtigkeiten. Denn Frauen waren damals nur ein hübsches Accessoire. Sie existierten um Männer zu beglücken. Hübsch und willenlos. Nun erhoben sie ihre Stimmen und reaktivierten ihr Gehirn.

Heute gestaltet sich das etwas schwieriger. Wir kämpfen immer noch für Gleichstellung, Gleichberechtigung, gegen Sexismus und gegen Gewalt an Frauen. Heute gehen wir – oder sollten – mit Make Up und Kleidung viel selbstbewusster umgehen und uns nicht mal ebenso in gesellschaftliche Schubladen stecken lassen. Es sollte uns eigentlich egal sein, was andere über uns denken. Doch auch im Jahre 2019 hat die Gesellschaft ihre Tücken und Hintertürchen.

Wir Frauen werden noch immer wie ein Aushängeschild behandelt oder katapultieren uns selbst in dieses Bild. Man nehme Germany’s Next Topmodel. Diverse junge Mädchen gehen zu den Castings der Show. Sie möchten ein Model werden. Um die ganze Welt reisen. Trendige Kleidung und teures Make Up tragen. Sie benutzen ihren Körper und ihr Aussehen für beruflichen Erfolg. Ohne wirklich einzuschätzen, was für einen Preis sie zahlen. Tag für Tag optische Präsenz. Mit den Curvy Models wurde das übrigens nicht besser, auch da herrschen feste Regeln und Maße! Hierzulande tauchen die gecasteten Models irgendwann und irgendwo in der TV-Landschaft auf. Meistens da, wo auch die Castingshow lief. Wer Köpfchen hat, nutzt das clever als Karrieresprungbett. Man nehme als bekanntes Beispiel Marie Nasemann, die sich mit fairer und nachhaltiger Mode beschäftigt.

Der Arbeitsmarkt bietet noch viele andere Bereiche in denen Frauen mit einer hübschen Optik gern gesehen werden. Werbebranche, Assistentinnen Jobs und so ziemlich alle Jobs, die sich in der Öffentlichkeit abspielen. Hübsch herrichten wurde zur Normalität. Selbst Frauen, die sich nicht gerne Schminken, beschäftigen Visagisten/innen.

Wir bewegen uns mal wieder in einem Karussell oder war das nie anders?

Wir Frauen laufen immer noch fremdgesteuert durch die Weltgeschichte. Geben der Gesellschaft und ihren veralteten Ansichten und Werte viel zu viel Spielraum!

Schlank und schön ist immer noch die beliebteste Erscheinung einer Frau. Die Curvy Bewegung machte es zeitweise angenehmer , aber auch nicht wirklich besser. Dick ist halt nicht schick. Das Selbstbild einer Frau ist heute zerrissener denn je. Wir lassen uns bzw. sind oft verunsichert. Wissen selbst nicht was wir mit unserem Spiegelbild anfangen sollen. Bemitleiden uns selbst, wenn die Waage 10 kg mehr anzeigt als in der Schulzeit. Wir versuchen ernsthaft perfekt zu sein in einer nicht perfekten Welt.

Perfektionismus ist, meiner Meinung nach, ein Produkt der Fantasie.

Ich glaube, wir sollten endlich anfangen, dass was uns im Leben begegnet in Frage zu stellen. Wenn wir zu kleinen Individuen heran wachsen, sind wir unsicher. Diese Unsicherheit sollten wir dann, wenn wir aus dem gröbsten raus sind, den Kampf ansagen. Wir sollten uns mit uns beschäftigen. Gefalle ich mir nicht, weil ich der Außenwelt nicht gefalle? Schminke ich mich, weil man es von mir verlangt? Ziehe ich die Kleidung an, weil sie mir gefällt oder weil das jetzt jeder trägt?

Es werden immer die gleichen Fragen zum Selbstbild sein. Egal, ob wir Mädchen oder Frauen sind. Die Gesellschaft, so wie sie jetzt ist, wird uns Frauen immer auf den Seziertisch legen und auseinander nehmen. Deshalb sollten wir zukünftigen Generationen von Frauen zeigen wie es richtig geht.

Herrje! Schminkt euch doch. Wer hat denn was gegen Make Up, wenn es Rötungen auf den Wangen kaschiert, Augenringe verdeckt und euch erfrischt strahlen lässt? Bestimmt niemand!

Herrje! Schminkt euch nicht, wenn ihr euch damit maskiert fühlt, euch das be- und abschminken nervt. Ihr im Laden nicht wisst, aufgrund der Unmengen von Produkten, was euch gefallen würde. Schminkt euch nicht, um anderen zu gefallen. Verzichtet auf Foundation & Co wenn ihr euch damit nicht wohl fühlt. Und wenn ihr gezwungen seid euch für euren Arbeitgeber zu schminken, dann entscheidet sorgfältig, ob es sich lohnt und die Mühe wert ist.

Eines möchte ich noch los werden. Ob geschminkt oder ungeschminkt. Wir haben den Männern gegenüber ein Vorteil: Wir können mit Make Up ungeniert alles machen was wir wollen. Während Männer mit Augenringen, Blässe und Rötungen weiter durch die Welt gehen müssen. Können wir das alles, ganz sorglos übermalen. Können uns von einer verpeilten, verschlafenen Nachteule zu einer wachen, verstrahlten Amsel verwandeln. Wir sind ihnen hier im Vorteil. Warum das Vorteil nicht nutzen, wenn wir es können. Wenn nicht täglich, dann doch an bestimmten Tagen, wo uns danach ist und der Spiegel uns 3x spiegeln muss ehe er schnallt, wer ihm da gegenüber steht.

Sind wir nicht emanzipiert und autonom genug um selbst zu entscheiden wann, wo und wie viel wir uns schminken? Vielleicht hat Angela Merkel auch selbst entschieden, sich als Bundeskanzlerin mehr Make Up ins Gesicht klatschen zu lassen …