GHOSTING & Co – Nachrichten ins Leere! Wir müssen wieder mehr miteinander kommunizieren als uns zu konsumieren

Zwei Menschen lernen sich kennen. Sie haben Dates. Kommen sich näher. Treffen sich regelmäßiger. Sie verstehen sich gut. Es könnte mehr sein als eine Affäre. Auch wenn sie sich nicht sehen, schicken sie sich Kurznachrichten. Sagen einander das sie sich mögen und die Zeit die sie miteinander verbringen unendlich erscheint. Die Wochen vergehen. Plötzlich, wie aus dem Nichts meldet sich einer nicht mehr. Versendete Nachrichten nehmen Platz im Wartesaal der Leere. Keine Antwort. Die Fragezeichen summieren sich und die anfängliche Verliebtheit schwindet mehr und mehr. Irgendwann werden keine Nachrichten mehr versendet, denn Geister können nicht antworten.

Das Geister doch antworten können beweist uns Patrick Swayze in „Ghost – Nachricht von Sam“. Doch kann man Sam nicht mit den Geistern aus der wahren Welt vergleichen. Männer und Frauen zugleich. Anfängliches Interesse verschwindet wie eine Flasche im Leergutautomaten.

In Zeiten des Online-Datings wird es immer schwieriger sein Gegenüber zu durchschauen. Haben die flüchtigen Berührungen etwas zu bedeuten? Sollen die verschenkten Komplimente mir nur imponieren? Küssen wir für den Frieden oder für die Liebe? Haben WIR einfach nur Spaß oder DU allein?

Was betreiben wir da eigentlich mit uns und den Menschen um uns herum? Je nach Lust und Laune melden wir uns. Die eine Bekanntschaft halten wir uns warm auf der Ersatzbank, die andere wird blockiert und landet somit auf dem Dating-Friedhof. Ein Friedhof auf dem Zombies aus ihrem Grab entsteigen und genauso verkorkst durch die Dating-Landschaft spazieren wie die, die die Zombies erschaffen haben. Könnten wir uns mal bitte auf das besinnen das zählt wenn sich zwei Menschen begegnen: KOMMUNIKATION!

Man könnte sich jetzt fragen: Was will sie denn? Wir kommunizieren doch miteinander! Nein, wir konsumieren! Das ist ein Unterschied! Das was wir da betreiben ist Recherche am Gegenüber um einschätzen zu können, was die Person von einem möchte. Der typische Small Talk und immer ganz flirty dabei. Das Internet ist unsere Realität. Wir die Digital Natives, die Millennials, die die Babyboomer belächeln. Die Generation WHY (beziehungsweise die Generation Z), die auf die Straße geht und demonstriert, die Missstände beim Namen nennt, öffentlich kritisiert und den Generationen der vergangenen Zeit gepflegt den Mittelfinger zeigen kann ist dennoch verkorkst.

Liebe wirkt wie ein Weltwunder und Sex ist so einfach zu bekommen, wie das Brot im Supermarkt.

Unsere Generation ist eine der kommunikationsfreudigsten Genrationen. Wir haben so viele Möglichkeiten mit anderen in Kontakt zu treten. Beruflich, wie privat schweben wir in einer Kontaktblase der Leichtigkeit. Andererseits können diese vielen Möglichkeiten von allem, einen auch erdrücken und dann sehnen wir uns nach etwas mehr Tiefe, mehr Beständigkeit und mehr Zuverlässigkeit. Diese Phase der Zeit, in der wir Leben, erscheint mir fast wie die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Nur das die Menschen damals alles verloren haben und sich alles wieder aufbauen mussten. Sie wollten wieder etwas besitzen, sie sehnten sich nach Stabilität und nach klaren Verhältnissen. Heutzutage können wir uns sowas nicht mehr wirklich vorstellen. Nur die Erzählungen älterer Generationen holt uns von Zeit zu Zeit auf den Boden der Tatsachen zurück – bis zum nächsten digitalen Fortschritt!

Wir sind keinesfalls beziehungsunfähig! Doch die Schnelllebigkeit, der unaufhaltsame Fortschritt und der gesellschaftliche Druck blockieren uns und das natürliche Bedürfnis sich binden zu wollen. Wir haben Kontakte, aber selten mit der Tiefe und Wahrhaftigkeit, die uns die Hollywood Studios versuchen zu verkaufen.

Wenn wir Online sind, sind wir auch irgendwie in der Realität, weil wir ja permanent Online sind. Selten Offline und vollkommen greifbar. Seit über 10 Jahren gehören soziale Netzwerke zu unserem Leben. Was mit MySpace und StudiVZ begann, stagniert gerade mit Facebook, Instagram, Twitter & Co. Anfänglich haben wir in sozialen Netzwerken unsere realen Kontakte eingesammelt und Dinge die wir mögen in einer digitalen Wolke abgespeichert. Uns daran erfreut und so wie es war für gut befunden.

Neben Netzwerken, Freunde wieder finden und die Präsentation vom Musikgeschmack fingen wir auch an nach der Liebe zu suchen. Während die Kontakte, die man real kennen lernte immer weniger wurden, tummelten sich online immer mehr potenzielle Frösche zum Küssen. Es fing mit chatten bei Spinchat und Konsorten an. Wochenlang schreiben und Fotos austauschen und nun wischen wir Fotos nach links oder rechts auf Tinder. Gefällt dem Betrachter*in das was er/sie sieht, folgt eine Konversation und relativ schnell ein Treffen.

Dann findet man sich im Datinggeschehen wieder. Wo hingegen früher – also wirklich früher, so richtig früher – eine Verabredung reichte um zu wissen, ob man den Mann oder die Frau vom Fleck weg heiraten will, verhält es sich heute ganz anders. Da können sich in einem Menschleben um die 100 Dates ansammeln, die Lippen wund geküsst werden und die Bettwäsche in einem nie endenden Waschvorgang vor sich hin waschen.

Wir sammeln unbewusst und irgendwann wird das Sammeln zum konsumieren. Wir konsumieren Menschen! Bei Kaffee und Brot versteh ich das, aber Menschen? Ab wann geriet das eigentlich aus dem Ruder?

Das Dating 2.0 oder haben wir schon 3.0 oder sogar 4.0? Keine Ahnung. Auf jeden Fall ist das heute verrückter und merkwürdiger denn je. Während vor ein paar Jahren Ehrlichkeit und Offenheit das oberste Gebot waren mit Sätzen wie „ich suche etwas festes“ oder „ich will nur das eine“, werden wir heute hingegen mit „mal schauen, wenn es passt“ oder „ich suche eine Freundschaft+“ in die Ratlosigkeit gedatet.

Sex hat heute nur noch selten eine Bedeutung in der Phase des Kennenlernens. Die an den Haaren herbei gezogenen Dating-Regeln à la „nicht beim ersten Date miteinander schlafen“ oder „erst drei Tage nach dem Date melden“ fanden und finden keinen Anklang oder wurden und werden geschmeidig ignoriert. Wir machen das worauf wir Lust haben, ohne über die Konsequenzen unseres Handelns noch einmal gründlich nachzudenken oder wirklich zu wissen was wir wollen!

Wir wollen Nähe, Beständigkeit, Wärme und obendrein den besten Sex, den Adam und Eva abliefern können. Das gleiche gilt natürlich auch für Adam & Adam oder Eva & Eva oder oder.

Wir sind nicht scheu mit unseren Worten und landen auch oft im Sexting. Während die weniger intelligente Liga der Männlichkeit Dickpics verschickt und viele Frauen ein verschobenes Bild von Weiblichkeit anerzogen bekommt und darauf ausgerichtet ist dem Mann und generell der Außenwelt zu gefallen, prallen antike und aktuelle Weltansichten permanent aufeinander. Dinge die Frau oder Mann machen sollen um zu gefallen und heiratswürdig zu erscheinen gepaart mit junger Arroganz und Überheblichkeit katapultieren wir uns dahin, wo wir nie ankommen, nämlich ins irgendwo und wofür? Ja, wofür eigentlich? Mit Liebe und ankommen hat das nichts zu tun. Eher mit einem Wettbewerb der Sinnlosigkeit und Befriedigung des eigenen Egos.

Wir betreiben stattdessen Ghosting, Benching, Breadcrumbing, Submariningund Casparing. Von allem ein bisschen gut dosiert!

Statt uns bei jedem Date zu fragen WAS WÄRE WENN und es könnte ja noch etwas besseres kommen, wäre es doch genau jetzt an der Zeit, bei der ganzen Schnelllebigkeit, im Herzen eines anderen Menschen wieder so etwas wie Stabilität zu finden. So etwas wie Heimat. Wir sind alle beziehungsfähig! Wir haben Freunde. Wir verstehen uns mit Kollegen*innen. Wir hören mache Bands und Künstler schon seit mehr als 10 Jahren. Wir strahlen, wenn wir König der Löwen sehen. Wir haben ein Lieblingskneipe oder zumindest eine Lokalität in der wir uns gerne mit unseren Kontakten treffen. All das sind Indizien dafür, dass wir beziehungsfähig sind. Zu all diesen Dingen haben wir eine Bindung! Wir haben sie ganz bewusst oder unbewusst in unser Herz geschlossen und sie mit unserem Alltag kompatibel werden lassen.

Es liegt an uns und wie wir den Menschen begegnen. Doch sollten wir immer genau hinhören und das aufmerksam. Und auch wenn es bei einer Nacht bleibt oder die Begierde nur einen Sommer oder einen Winter lang hält. Wir sollten den Menschen mit mehr Tiefe betrachten und nicht nur Nutzen aus der Bekanntschaft ziehen. Wir sollten ehrlich kommunizieren und sagen wenn wir kein Interesse mehr oder generell haben. Nicht hirnlos Ersatzbänke füllen mit Mitspieler, die eh nie wirklich auf das Spielfeld dürfen. Wir sollten uns vor Augen halten was das alles mit uns macht und wohin das eigentlich führt.

Weniger Idiotie, mehr Philosophie!

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Verloren im Hollywood-Märchenwald oder wie man zwischenmenschliche Nähe auch anders konsumieren kann.

Ich liebe Märchen. Egal was passiert, es gibt immer ein Happy End. Da können Apfelstückchen verschluckt werden, jemand zu 100 Jahre Schlaf verdonnert werden, goldene Kugeln in den Brunnen fallen, vom bösen Wolf aufgefressen werden oder Kinder sich im Wald verirren und von einer kannibalischen Irren gefangen gehalten werden … EGAL! Am Ende sind immer alle glücklich.

Wo befindet sich nur dieser Ort? Da wo schlimmes passiert und am Ende alles gut wird. Man nennt ihn Märchenwald und dieser Märchenwald scheint wohl irgendwo in Hollywood, ganz unscheinbar, zu existieren. Hollywood, da wo immer die Sonne scheint. Da wo Filme am Fließband produziert werden und die Menschen anschließend in Scharen in die Kinos strömen.

Der Hollywood-Märchenwald.

Und dann stehst du an einer Haltestelle in Berlin oder sonst wo. Links neben dir eine alte Frau mit Hund. Rechts von dir ein Mann mit einer Bierpulle. Hinter dir zwei Kinder die sich streiten. Und vor dir hat gerade die Tram gehalten. Ganz ehrlich, das ist nicht der Hollywood-Märchenwald. Das ist die Realität. Der Mann wird auch noch morgen trinken, die Kinder sich weiter streiten und die alte Frau wird, um ihre Mobilität zu erhalten, auch morgen wieder mit ihrem Hund spazieren gehen.

Und ich? Stehe morgen auch wieder an der Haltestelle um zur Arbeit zu fahren.

An einem Stück Apfel hab ich mich auch schon mal verschluckt – ich musste mich selbst retten. Kein Prinz weit und breit. Ich habe mich schon oft an einer Nadel gestochen, hab gehofft sie wäre verflucht, wache dennoch jeden Tag ganz normal auf – hmmm. Frösche, also echte Frösche, hab ich auch geküsst, hab aber nie mit einer goldenen Kugel an einem Brunnen gespielt – vielleicht lag es daran, dass sich nie ein Frosch in einen Mann zurück verwandelt hat, muss ich noch nachholen. Ich glaube nämlich ganz fest daran, dass Frösche heimlich verzauberte Prinzen sind. Das denkt sich doch keiner aus?! Bei Spaziergängen im Wald, kam ich nie an einem Lebkuchenhaus vorbei – also bin ich auch keiner Kannibalen-Hexe begegnet, die mich hätte fressen können!

Der Hollywood-Märchenwald scheint ein schrecklich, schöner Ort zu sein. Neben verstörten Abenteuern, kann man feiern und lieben bis zum erbrechen. Nirgendwo anders geht das Lieben so einfach und schnell wie dort.

Mädchen trifft Junge und peng! Liebe! Und wir fangen an daran zu glauben, dass es so einfach geht. Die Realität sieht anders aus. Bunter. Man kann viel mehr machen als auf den Richtigen oder die Richtige zu warten oder nur nach der einen Person zu suchen, der/die einem die Erfüllung von Liebe verspricht. Die Person wird es auch ganz sicher geben, aber was ist, wenn man sich nach noch mehr sehnt. Eine Person, die einen gerne im Leben begleiten mag, ist man selbstverständlich dankbar und die Person ohne Zweifel ehrt und dennoch das Gefühl verspürt, dass es da mehr gibt.

Wir lieben ja auch nicht nur Schokolade! Wir lieben ja auch Pommes und Mango-Lassi. Filme, Musik und Bücher. Warum nicht auch Menschen? Die Liebe zu den jeweiligen Menschen, in unserem Umfeld, unterscheidet sich ja auch. Die einen lieben wir im Bett und, die anderen lieben wir für ihre Musik oder dafür das sie mit uns Gemeinsamkeiten teilen oder wir mit ihnen gemeinsame Schicksale teilen …

Es gibt viele Formen der Liebe und Beziehungen die wir zu den Menschen pflegen. Es gibt die Mingles, die freie Liebe, es gibt die Monogamie, die Polyamorie, die Offene Beziehung, die Polygamie, die Beziehungsanarchie, die Polyandrie oder die Polygynie . Wer weiß was es nicht noch alles gibt und warum ist uns eigentlich nur die Monogamie bekannt? Warum werden andere Beziehungsmodelle nicht kommuniziert?

Mingle sein

Jeder der mal Single war oder ist und nichts gegen gelegentliche kleine Liebschaften hat, mit den er auch Freizeitaktivitäten betreibt, also prinzipiell freundschaftliches Verhältnis pflegt – ist ein Mingle. Man ist offiziell Single und hat da irgendwo zwischen schlafen, essen und arbeiten jemanden, der das halb gefüllte Bett komplettiert. An den Zustand kann man sich gewöhnen. Freunde mit gewissen Vorzügen, kann man auch dazu sagen. Irgendwie merkwürdig, aber auch logisch. Wir gehen ja auch nur in den Supermarkt, wenn wir Hunger haben oder im Kühlschrank die Leere mit Protestschildern anfängt zu demonstrieren.

Die freie Liebe

Lieben wen man will und wann man will … so ungefähr hab ich das beim Lesen verstanden. Hmm … klingt gut, aber so ein wenig Bindung und Beständigkeit hab ich dann doch ganz gerne.

Monogamie

Das populärste Beziehungsmodell überhaupt. Zwei Partner für die Ewigkeit. Happy End für die Ewigkeit … Monogamie ist was tolles, wenn man das kann nur ein Partner bis zum Rest seines Lebens. Ich frag mich manchmal, ob ich das so in der Form überhaupt noch für mich haben will. Ich mag ja Abwechslung, aber Beständigkeit auch …

Polyamorie

Liebesbeziehungen mit mehreren Menschen. Das klingt interessant, aber ob mein Herz teilbar ist wage ich zu bezweifeln. Wenn dann auch noch Kinder dazu kommen, verkompliziert sich das dann ja noch mehr, oder eta nicht?

Offene Beziehung

Ganz ehrlich, dass ist ein Beziehungsmodell, das ich mir am ehesten vorstellen kann. Eine Partnerschaft, dein Herz da wo es hingehört und gelegentlich, natürlich alles einvernehmlich und wissentlich vom Partner*in abgesegnet, andere Blumen bestäuben.

Polygamie

Vielehigkeit genannt. Mehrere Ehepartner*innen? Ich bin kein Tier. Das ist definitiv nichts für mich.

Beziehungsanarchie

Beziehungen führen nach den eigenen Wünschen und feststehende Normen und Werte einer Beziehung eher unbeachtet zu lassen, klingt für mich einfach nach einem privaten Modell, dass ein Paar für sich schließt. Seine eigenen Regeln schließt und praktiziert. Gesellschaftliche Werte und Normen sind ja auch die der Gesellschaft und nicht die eines Privathaushalts zweier liebenden Menschen …

Polyandrie

Eine Frau, die mehrere Ehemänner hat. Nein. Das muss in meiner Welt nicht sein.

Polygynie

Ein Mann, der mehrere Ehefrauen hat. Bin kein Mann. Für mich unwichtig.

Bisexualität und Homosexualität sind ja keine Beziehungsmodelle, sondern Lebensformen. Man liebt halt beide Geschlechter oder nur das eigene. Vollkommen legitim, wie ich finde.

Nix hier hier mit Märchenwald und Hollywood. Das Leben hinter der Kamera und weit weg vom Wald schaut ganz anders aus und wirkt dadurch auch ein wenig spannender als immer das selbe zu sehen und zu fühlen. Wer braucht schon die Utopie, wenn er eine bunte Realität haben kann?