Wann bin ich eigentlich erwachsen geworden?

Ich bin Anfang 30 und frage mich manchmal: wo ist die Zeit geblieben? Mir ist als wäre es erst gestern gewesen und ich würde immer noch auf der harten Holzpritsche im Kindergarten liegen und an die Decke starren. Meine Kindergärtnerin ermahnt mich, doch endlich einzuschlafen. Draußen scheint die Mittagssonne und ich soll schlafen? Ein paar Jahre später liege ich im Park auf der Wiese. Wieder scheint die Sonne. Ich betrachte den jungen Mann neben mir und fühle mich glücklich. Glücklich das er mich mag, mich küsst und gerne fühlt. Die Zeit vergeht. Der Uhrzeiger dreht sich unaufhörlich. Die Jahreszeiten und Jahre ziehen nur so dahin, wie die fluffigen Wolken am Horizont. Ich sitze auf einer Bank in Barcelona im Sommer 2017. Es ist heiß. Ich lasse das hektische Treiben der Fußgänger und hupenden Autos auf mich wirken, bevor ich in den Bus steige, der mich zur nächsten Sehenswürdigkeit der Stadt fährt. Es ist Mitte Februar und ich sitze hier an meinem Notebook und tippe diese Zeilen und frage mich: wann bin ich eigentlich erwachsen geworden?

Ist es passiert als ich von Zuhause ausgezogen bin? Als ich das erste mal meine Steuererklärung in den Briefkasten des Finanzamtes steckte? Oder schon viel früher als ich das erste mal Sex hatte? Ich mein Abschlusszeugnis in der Realschule entgegen nahm? Oder meine zwei Ausbildungen abgeschlossen habe? Oder passierte es mit der Küchenmaschine, die ich letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt bekommen habe?

Ich gehe arbeiten. Wohne im zentralen Osten von Berlin und habe ein BVG-Abo. Macht mich sowas erwachsen? Oder passiert das erst, wenn ich ein Kind zur Welt bringe oder mit einem geliebten Menschen zusammen ziehe?

Ich bin mir nicht sicher, was genau mich letztens dazu brachte, mir darüber Gedanken zu machen. Ich stand auf dem U-Bahnsteig Alexanderplatz und beim vorbeiziehen der U-Bahn erwischte mich diese Frage. Bin ich erwachsen? Und wenn ja, wann ist das passiert?

Ich könnte mit den Fragen bis Halloween weitermachen und würde auch dann nicht damit aufhören. Ich war dreimal im Kino diese Woche und zwei Filme, bestärkten mich darin einen Blogpost zu meinen verworrenen Gedankengängen zu verfassen.

Ich glaube mein Dasein als Kind oder besser gesagt die unbekümmerte Zeit endete mit dem Umzug 2012 in meine erste eigene Wohnung. Ich lebe immer noch hier. Fühle mich wohl und wenn mir die Wände zu langweilig werden, bestreiche ich sie mit einem neuen Farbton. So kann man ewig in einer Wohnung wohnen bleiben.

Wäsche waschen, Lebensmittel einkaufen, alleine verreisen, Verbindlichkeiten den öffentlichen Verkehrsbetrieben oder Mobilfunkanbietern gegenüber sind eigentlich nur Souvenirs unseres Erwachsenen-Ichs. Das macht man dann halt alles.

Filme, Bücher & Menschen projizieren das Erwachsen-werden mit bewegenden Meilensteinen im Leben eines Erdenbürgers. Ok. Schulabschluss mit 16 und ich fühlte eigentlich nur, dass eine bestimmte Ära zu Ende ging. Genau das gleiche Gefühl hatte ich nach dem Abschluss meiner zwei Ausbildungen. Wieder das Ende einer Ära. Immer endete eine Ära, aber das Gefühl erwachsen zu sein durchfuhr mich dabei nicht. Ich war doch ich – Mona! Und Sex ist auch kein Indikator fürs Erwachsen-werden. Der Spielplatz auf dem wir spielen, wurde nur größer und brachte uns ein paar neue Spielmöglichkeiten mit Gleichgesinnten.

Als Kind verstand ich selten, was am erwachsen werden so toll ist. Lebt es sich doch so herrlich unbekümmert zwischen Spielzeug, Abenteuerspielplätzen und der Flimmerkiste. Zumindest war das bei mir so. Mir boten sich auch keine wirklichen Gelegenheiten, dass gut zu finden, was meine Eltern da alles durchleben mussten. Ich komme aus einer Familie, die in der DDR gelebt hat. Allesamt sind sie in ihr groß geworden. Ein System, das sich am Marxismus-Leninismus orientierte und die Stasi hatte ihre Augen und Ohren überall. Das undemokratische, politische System ummantelte sich mit einer Mauer. Eine Mauer die am 09. November 1989 ganz unerwartet umfiel. Eine Revolution, die eine Wiedervereinigung von Ost und West hervorbrachte. Ich muss mich nicht schämen, wenn ich erzähle, das meine Familie gerne in der DDR gelebt hat. Man packe jetzt einfach mal alles schlechte, was sie beinhaltet zur Seite und nehme das einfache Leben. Job, Wohnung, Kinder und das Konsum – meine Eltern lebten einfach, hatten wenig Ansprüche ans Leben und waren glücklich. Glücklich waren sie auch als die Mauer nicht mehr an ihrem Platz stand und eine Welle von Neuheiten und Möglichkeiten in die ehemalige DDR einreiste. Mein Vater vermisst das damalige Leben manchmal und meine Mutter findet alles gut so wie es ist. Mein älterer Bruder hat noch ein paar Jahre mitbekommen und hat auch nie schlecht davon geredet. Ja, und ich? Ich bin 1986 geboren und kann nichts dazu sagen außer, dass mir die Gespräche über die DDR innerhalb der Familie sehr schnell zu den Ohren heraushingen. Ich bekam nichts mit, aber wusste auf einmal eine Menge über etwas, dass ich nicht verstand. Aus heutiger Sicht und mit dem Wissen über diese Zeit und was politisch schief lief, wäre ich noch bevor die Mauer gebaut wurde, gleich freiwillig im Westen geblieben. Da hätte mich auch die Musik von Silly oder Renft nicht von abgehalten.

Die DDR ist Geschichte und ich wuchs in der kunterbunten Bubblegum-Welt der 90er Jahre auf. Mit Gameboy, Tamagotchi und Polly Pocket im Gepäck, durchlief ich meine Kindheit. Die Schulzeit war zwar nicht die Hölle auf Erden, aber auch kein berauschendes Fest. Mit den 00er Jahren kam meine Teenie-Ära und die Oberschule. Ich war weder beliebt, noch unbeliebt. Halt einfach nur da. Gelegentlich kamen blöde Sprüche bezüglich meiner Optik, aber auch das kann ich nicht mit einem Trip durch die Hölle vergleichen. Mir ging es nicht schlecht, bis auf die gefühlsduseligen Irrungen und Wirrungen, die mit dem Heranwachsen, wie ein bitterer Beigeschmack, dazu kamen.

In den 10er Jahren angekommen, wusste ich was ich kann und wohin ich damit will, landete aber bisher nie dort, wo ich ewig zu verweilen vermochte. Kleine persönliche Krisen, Neuerfindungen und Abzweigungen auf dem Weg des Lebens, brachten mich zu einer Kreuzung. Das eine Schild ist mit WEITERGEHEN beschriftet und das andere mit STEHEN BLEIBEN. Ich habe mich fürs weitergehen entschieden und glaube, dass das eine sehr Erwachsene Entscheidung war. Bin ich am Ende doch schon Erwachsener als ich dachte?

Erfahrungen sammeln, Entscheidungen treffen und Erkenntnissen zu erlangen, kreieren unser Erwachsenes-Ich. Das geht manchmal schneller, als den eigenen Namen zu buchstabieren. Doch unseren kindlichen Modus sollten wie im Stand-by ruhen lassen und von Zeit zu Zeit aktivieren. Wie sollten wir sonst die vielen kleinen Menschen verstehen und ihnen erklären, dass alles halb so wild ist. Es ist nicht weh tut zu wachsen, hinzufallen und wieder aufzustehen.

Alles eine Frage des Blickwinkels.

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Die schönste Erfahrung im Leben ist das älter werden

Ich habe mal gehört, dass man mit 30 erwachsen ist und das jetzt alles komplizierter wird. Der Alltag bekommt durch einen Job einen Kompass, der uns durch den Tag führt. Irgendwann kommen im Normalfall, so wie es uns die Gesellschaft einredet, ein PartnerIn und ein Kind dazu. Doch nicht jedes Leben verläuft normal.

Ich habe einen Job. Ich habe viele Interessen. Ich habe Freunde. Ich habe die Freiheit alles tun zu können was ich will. Kein Partner. Kein Kind oder Haustier. Ich könnte die Welt bereisen und tue es nicht. Ich lebe in Berlin. Ich hab mir sagen lassen, das Berlin eine der coolsten Städte der Welt ist – warum verreisen? Naja, so denke ich nicht wirklich, aber ich war schon reisen und andere Städte sind schön und entdeckungswürdig, aber ich bin mittlerweile so IN LOVE mit Berlin, das ich mich auf jeden Frühling, Sommer, Herbst und Winter mit ihr freue.

Die Freiheit alles tun zu können tut gut und stimmt einen nachdenklich zugleich. Ich frage mich, ob sich dieser Zustand irgendwann mal ändern wird und ich irgendwann Kompromisse eingehe, die alles verändern werden und ob es dann auch noch gut ist bzw. wird und überhaupt und sowieso. Und dann stelle ich fest, ich bin zwar 31 und führe hauptberuflich ein geregeltes Leben, aber als Nebentätigkeit bin ich Vagabund. Ich streife durchs Leben und beobachte das Geschehen von außen. Ganz still und unauffällig. Ich lebe mit der Welt und doch für mich.

Je älter ich werde umso gelassener werde ich. Meine Sinnessuche nach dem warum ist noch lange nicht abgeschlossen. Ich jage nicht mehr so nach dem Warum wie noch vor 5 Jahren. Ich suche immer noch leichtfüßig,  aber entspannt, weil ich weiß, dass das Abhetzen nur anstrengt und das die Findungssuche nicht schneller voran geht, als man erst glauben mag.

Das ist das schöne am Älter werden, man denkt sich viel öfter „erstmal abwarten und Tee trinken“.

Es gibt immer mal Momente, da möchte ich rennen so schnell ich kann und dann würde ich stehen bleiben und mich selbst ermahnen, nicht schon wieder so zu hetzen. Ich weiß doch, dass das Abhetzen sinnlos ist, Es wird sowieso passieren, wenn nicht jetzt dann irgendwann.