Ich & der Feminismus

Ich stelle mir dieser Tage eine ganz bestimmte Frage: Bin ich eine Feministin? Ich bin für Gleichberechtigung. Ich bin für Gleichstellung. Ich bin für … für alles das Frau und Mann auf Augenhöhe kommunizieren und miteinander agieren und nicht gegeneinander konkurrieren lässt.

Das die Realität anders ausschaut, weiß ich. Bin ja nicht blind.

Svenja Gräfen bringt es auf den Punkt.

Es ist 2019. Uns, den Millennials geht es an sich ja gut. Uns stehen die Türen offen. Wir können lieben wen wir wollen, keiner guckt mehr komisch. Wir können leben wie wir wollen. Ja, eigentlich müssten wir doch vor Glückseligkeit nur noch grinsen wie ein Honigkuchenpferd.

Falsch!

Wir können vieles, machen aber wenig. Leben alte Traditionen des verstaubten Systems weiter. Sprich: Wir, die jungen Emanzen, beginnende 30 und mitten im Leben, stecken der Familie wegen, immer noch zurück. Verdrücken uns in die Teilzeitarbeit, stellen berufliche Verwirklichungen hinter einen Kinderwunsch und erfreuen uns an Küchenmaschinen, Veganismus und Minimalismus. Männer nehmen immer noch wortlos die Rolle des Ernährers ein und sind – nicht alle – irgendwie froh, wenn sie nach einem Arbeitstag nicht mehr allzu viel im Haushalt machen müssen bzw. haben nur ein paar bestimmte Aufgaben. Kindererziehung ist auch heute noch ein Aufgabenfeld, was kommentarlos von den Frauen übernommen wird.

Ich bin zwar Single, aber nicht weniger glücklich. Ein Spaziergang durch Pankow, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain offenbart mir dieses Bild. Ich muss nicht liiert und schwanger sein um das zu sehen.

Halt! Stop!

Jede Generation hat zwei Gruppen. Die eine die kommentarlos viele Verhaltensweisen der vorherigen Generation übernimmt, sie nicht in Frage stellt, das System so akzeptiert wie es ist. Und dann gibt es noch die, die etwas bewegen wollen, wissen das sie auf Widerstand stoßen, dass es Altersarmut geben wird, aber wissen auch, das wir die Generation sind, die etwas verändern muss. Jetzt stimmt der Spruch mal: Wir sind die Zukunft.

Single sein, ist mittlerweile keine Seltenheit. Wenn man keinen passenden Deckel zum eigenen Topf findet, versinkt man nicht in Traurigkeit. Flennen bringt nix, davon füllt sich auch kein Bett. Nach vorne schauen heißt die Devise! Die unzähligen Möglichkeiten, die sich einem beruflich auftun, werden bis aufs Mark getestet und ausgeschöpft. Ob ein Deckel nochmal den Weg unseres Topfes kreuzt, stellen wir erstmal in den Hintergrund, aber immer in Reichweite und schnell zu greifen. Oder man lebt die Moderne einer gleichberechtigten Partnerschaft, in der sich beide gleichermaßen die Pflichten im Haushalt und in der Kindererziehung teilen. Einer den anderen unterstützt und mal für eine gewisse Zeit sich um alles kümmert, wenn der andere sich selbst verwirklichen möchte. Das zeugt von Verständnis und Vertrauen in die Partnerschaft, die man miteinander führt. Das ist keine Seltenheit, aber auf die breite Masse verteilt, dann doch seltener zu finden als man es sich vorstellen mag. Traurig. Wirklich traurig.

Meine Mutti schleifte mich immer mit in die Küche. Man müsse doch als Frau kochen können. Selbst wenn die Nähmaschine zum Vorschein kam, blieb das kleine Mona-Ich nicht verschont. Ich hab kein Nerv fürs nähen, dass machte ich meiner Mutter grimmig und lautstark deutlich. Stricken können, hat mich auch nicht interessiert. Drei Generationen haben probiert mir die Strickkunst nahe zu bringen. Oma, Mutti und eine Freundin. Mutti hat ihr bestes versucht. Sie kannte es ja nicht anders. Unvorstellbar, dass die eigene Tochter sich dafür nicht interessierte. Ich frage heute noch regelmäßig nach dem Rezept von ihrer Kartoffelsuppe oder den Senfeiern. Andere haben Google, ich hab Mutti.

Bei meinen Eltern gibt es auch die typische Rollenverteilung. Muss ich nicht weiter erklären, oder? Ohne Quatsch, ich fand das schon immer doof. Da sind doch zwei Menschen, warum kümmert sich nur ein Mensch um alles? Damals als Tochter im elterlichen Nest stand für mich fest: Sowas will ich nicht. Ich bin für Gleichberechtigung. Jeder kann abwaschen – gut, gibt ja mittlerweile Geschirrspüler, aber auch den können beide befüllen und nicht nur eine im Haushalt lebende Person. Müll wegbringen können auch beide – man muss nicht nur Männer in die Muff-Kammer schicken. Wäsche waschen ist nicht schwer. Wir bedienen ja in der Regel höchstens 4 Programme, dass kriegen Männer auch gebacken bzw. gibt auch genügend Frauen, denen es schwer fällt eine Waschmaschine zu bedienen.

Lange Rede, kurzer Sinn. Ich halte nichts und habe noch nie etwas von der typischen Rollenverteilung gehalten. Meine Gerechtigkeitssinn verfiel der frühreifen Beurteilung meines Umfeldes.

Das ist wie mit dem Totschweigen von bestimmten Themen. Menstruation zum Beispiel. Es ist 2019! Warum ist es uns Frauen immer noch unangenehm, ganz unauffällig eine Binde oder ein Tampon aus der Handtasche zu nehmen und damit auf der Toilette zu verschwinden? Wir sind Frauen und keine Monster. Wir bluten, weil wir Frauen sind. Blöde Sprüche von Männern hierzu sind einfach nur diskriminierend und Frauen sind da auch nicht besser. Wenn wir uns gegenseitig dabei unterstützen würden und offen über unseren Zyklus sprechen würden, diese Thematik einfach enttabuisieren würden, dann würden auch Männer nicht mehr so abwertend daher reden. Glaube ich zumindest. Zu diesem Thema schreibe ich an anderer Stelle mehr dazu…

Fakt ist, wer schweigt, wird nix verändern können. Ich würde mir also weniger Gedanken darüber machen, ob man eine Feministin ist oder nicht, denn auch Feminismus kann falsch interpretiert werden. Es gibt viele Frauen, die sich als Feministin bezeichnen, aber ein typisch konservatives Leben leben. Mit typischen Rollenverteilungen, aber nebenbei emanzipierter sind als die Damen der 1950er Ära.

Wir benötigen eine Auflockerung der Rollenverteilung. Wenn Männer sich dazu bereit erklären, sich selbstlos um die Kindererziehung zu kümmern und im Job kürzer treten, dann werden sie gelobt und bejubelt. Ist man eine Frau und macht das, wird es als normal und selbstverständlich hingenommen. Das ist halt so! Das ist das System, dass ja schon soooooo viele Jahre auf dieser Basis gut funktioniert.

Wäre es nicht eine Weiterentwicklung, wenn es normal wäre, Männer sich ganz selbstverständlich hierfür bereit erklären? Wäre es nicht ideal, bei vorhandenen finanziellen Möglichkeiten, wenn beide Elternteile in Teilzeit gehen würden und gleichberechtigt die Erziehung des Kindes übernehmen? Würden dadurch nicht mehr Paare länger oder sogar ein Leben lang zusammen bleiben? Die Scheidungsrate sinken, weil die Unzufriedenheit innerhalb der Partnerschaft nicht mehr bestünde, weil ja Aufgaben gleichberechtigt verteilt werden und man dadurch mehr Zeit für die Partnerschaft an sich hat? Unsere Gesellschaft ist auf Kinder angewiesen. Wir erhalten Rente basierend auf einem Generationenvertrag. Aber wenn wir dieses System aufrecht erhalten wollen, muss sich etwas grundlegendes verändern: das Bild von Frau und Mann in unserer Gesellschaft.

Ob ich eine Feministin bin? In erster Linie bin ich Mensch mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Eine Frau, der die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft bewusst ist aktiv werden möchte. Nicht mehr und nicht weniger.

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